Brancheninsights: Dieser Beitrag basiert auf dem Vortrag von Prof. Dr. Thomas Doyé im Rotary Club Ingolstadt-Kreuztor am 15.09.2026.
Prof, Dr. Thomas Doyé beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Weiterbildung als zentralem Hebel für persönliche Entwicklung, wirtschaftliche Transformation und gesellschaftliche Teilhabe. Im Beitrag widmet sich der Autor der Frage, welche Bedeutung Weiterbildung heute nicht nur für den Einzelnen und für Unternehmen, sondern auch für Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt hat.
„Es ist schlimm genug, daß man jetzt nichts mehr für sein ganzes Leben lernen kann. Unsere Vorfahren hielten sich an den Unterricht, den sie in ihrer Jugend empfangen; wir aber müssen jetzt alle fünf Jahre umlernen, wenn wir nicht ganz aus der Mode kommen wollen.“
Dieses Zitat von Johann Wolfgang von Goethe aus den Wahlverwandtschaften stammt aus dem Jahr 1809 – und wirkt erstaunlich aktuell. Bereits Goethe hat vor über 200 Jahren die zunehmende Notwendigkeit der kontinuierlichen Anpassung von Wissen beschrieben. Wir nennen das heute lebenslanges Lernen.
Der Einfluss von Weiterbildung auf die Gesellschaft ist vielschichtig und reicht weit über die individuelle Kompetenzentwicklung hinaus. Weiterbildung wird heute als zentraler Faktor für wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, soziale Teilhabe und gesellschaftliche Innovationsfähigkeit betrachtet.
Verfällt unser Wissen wirklich immer schneller?
Häufig ist von der immer kürzeren „Halbwertszeit des Wissens“ die Rede. Diese Aussage greift jedoch zu kurz.
Grundlagenwissen bleibt häufig über Jahrzehnte stabil. Allgemeines Fachwissen verändert sich moderat. Berufliches Spezialwissen dagegen muss deutlich häufiger aktualisiert werden. Besonders hoch ist die Veränderungsdynamik in IT und Software, bei aktuellen Automotive-Technologien wie Software Defined Vehicle oder Batterietechnologie sowie in KI und Data Science.
Nicht unser Wissen verliert also zwangsläufig immer schneller seinen Wert. Was sich verändert, ist vor allem die Geschwindigkeit, mit der wir neues Wissen und neue Kompetenzen benötigen.
Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verstärken diesen Effekt zusätzlich. Sie erhöhen nicht nur den Bedarf an neuem Fachwissen, sondern auch die Anforderungen daran, Wissen in neuen Situationen, unter Unsicherheit und gemeinsam mit digitalen Systemen anwenden zu können.
Weiterbildung sichert Beschäftigungsfähigkeit – und Wettbewerbsfähigkeit
Weiterbildung trägt wesentlich dazu bei, die Beschäftigungsfähigkeit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu sichern. Gerade in Zeiten technologischer Umbrüche ermöglicht sie, vorhandene Qualifikationen an veränderte Anforderungen anzupassen.
Davon profitieren jedoch nicht nur die einzelnen Beschäftigten. Weiterbildung hat zugleich eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Dimension: Sie kann Fachkräfteengpässe reduzieren, Produktivität erhöhen und die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen und Volkswirtschaften stärken.
Damit wird Weiterbildung zunehmend zu einer Investition in das Humankapital einer Gesellschaft.
Transformation braucht Kompetenzentwicklung
Ob digitale Transformation, Energiewende oder der Einsatz Künstlicher Intelligenz: Veränderungen dieser Größenordnung funktionieren nicht allein über neue Technologien.
Sie setzen voraus, dass Menschen mit neuen Technologien umgehen, neue Arbeitsweisen entwickeln und Wissen auf neue Situationen übertragen können.
Unternehmen, aber auch Regionen mit einer ausgeprägten Lern- und Weiterbildungskultur sind deshalb häufig innovativer und anpassungsfähiger. Weiterbildung unterstützt nicht nur den Erwerb neuen Wissens, sondern auch die Fähigkeit, Transformation aktiv mitzugestalten.
Wissen, Fähigkeiten und Kompetenzen sind nicht dasselbe
Wenn über Weiterbildung gesprochen wird, werden Wissen, Fähigkeiten und Kompetenzen häufig gleichgesetzt. Für die Gestaltung wirksamer Qualifizierung lohnt sich jedoch die Unterscheidung.
Wissen bedeutet, Fakten und Zusammenhänge zu verstehen und einordnen zu können.
Ein Ingenieur weiß beispielsweise, warum eine Batterie thermisch überwacht werden muss. Ein Softwareentwickler kennt die Syntax der Programmiersprache Python.
Fähigkeiten beschreiben das praktische Können.
Der Ingenieur kann eine Batterie thermisch überwachen. Der Softwareentwickler kann Python-Codes schreiben.
Kompetenz geht einen Schritt weiter. Sie zeigt sich dann, wenn Wissen und Fähigkeiten selbstständig und zielgerichtet auf neue, komplexe oder nicht vollständig vorhersehbare Situationen übertragen werden können.
Der Ingenieur kann für eine neue Batterie die Überwachungsmethodik anpassen. Der Softwareentwickler kann Python eigenständig zur Lösung eines neuen Problems einsetzen.
Gute Weiterbildung sollte deshalb nicht ausschließlich Wissen vermitteln. Ihr Ziel sollte die Entwicklung umfassender beruflicher Handlungskompetenz sein.
Warum Weiterbildung „von der Stange“ oft nicht ausreicht
Standardseminare haben selbstverständlich ihre Berechtigung. Je spezifischer jedoch die Kompetenzanforderungen eines Unternehmens werden, desto schwieriger wird es, diese mit allgemeingültigen Angeboten abzudecken.
Das zeigt sich besonders bei aktuellen Technologiefeldern wie autonomem Fahren, Batterieentwicklung oder Software Defined Vehicle.
Unternehmen benötigen hier Qualifizierungsprogramme, die ihre konkreten Kompetenzbedarfe berücksichtigen. Gleichzeitig bringen Mitarbeitende unterschiedliche Ausgangskompetenzen mit und benötigen je nach Aufgabenfeld unterschiedliche Zielkompetenzen.
Modular aufgebaute Programme können genau diese Unterschiede berücksichtigen: Nicht jeder benötigt dieselben Inhalte und nicht jeder muss dasselbe Kompetenzniveau erreichen.
Ziel sollte sein, die Kompetenzen aufzubauen, die für das jeweilige Rollenprofil tatsächlich erforderlich sind.
Weiterbildung ist noch längst nicht selbstverständlich
Trotz ihrer wachsenden Bedeutung ist berufliche Weiterbildung noch keine Selbstverständlichkeit. 2024 nahmen in Deutschland 5,8 % der 25- bis 64-Jährigen an beruflicher Weiterbildung teil. Bei Frauen lag die Quote bei 6,5 %, bei Männern bei 5,2 %. Besonders hoch war die Beteiligung bei den 25- bis 34-Jährigen mit 6,8 %; bei den 55- bis 64-Jährigen lag sie bei 4,8 %. In akademischen Berufen erreichte die Weiterbildungsquote 10,5 %.
Auch der Zugang zu Weiterbildung ist ungleich verteilt. Kleinere Unternehmen bieten deutlich seltener Weiterbildungsmaßnahmen an als große Unternehmen. Damit stellt sich nicht nur die Frage, ob Beschäftigte lernen wollen, sondern auch, welche Möglichkeiten Unternehmen dafür schaffen.
Weiterbildung kann neue Bildungswege eröffnen
Ein erfolgreich absolviertes Seminar muss dabei nicht das Ende eines Bildungswegs sein. Es kann ein erster Schritt sein, der Lust auf weitere Entwicklung macht: neue Aufgaben übernehmen, zusätzliche Verantwortung tragen oder einen weiterführenden Abschluss anstreben.
Wenn Weiterbildungsprogramme entsprechend konzipiert sind, können sie auf weiterführende Studiengänge angerechnet werden. So können Bildungswege entstehen, die zuvor vielleicht gar nicht in Betracht gezogen wurden – beispielsweise vom Meister bis zum Master.
Weiterbildung kann damit nicht nur bestehende Beschäftigungsfähigkeit sichern, sondern neue berufliche Perspektiven eröffnen.
Lebenslanges Lernen im Zeitalter der KI
Mit der zunehmenden Verbreitung Künstlicher Intelligenz verschiebt sich der Schwerpunkt noch stärker von einmal erworbenem Wissen hin zu kontinuierlicher Kompetenzentwicklung.
Fachwissen bleibt wichtig. Gleichzeitig gewinnen überfachliche Kompetenzen an Bedeutung: kritisches Denken, Kreativität, Kommunikationsfähigkeit, ethisches Urteilsvermögen und die Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit intelligenten Systemen.
Die entscheidende Zukunftskompetenz könnte deshalb zunehmend darin bestehen, selbstständig lernen zu können.
Weiterbildung ist damit weit mehr als ein Instrument der beruflichen Qualifizierung. Sie trägt zu wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit, persönlicher Entwicklung, sozialer Teilhabe und gesellschaftlicher Stabilität bei.
Goethes Forderung, regelmäßig „umzulernen“, war ihrer Zeit weit voraus. Heute geht es jedoch nicht mehr nur darum, altes Wissen durch neues zu ersetzen. Es geht darum, Wissen kontinuierlich zu erweitern, Kompetenzen weiterzuentwickeln und die eigene Lernfähigkeit zu erhalten.
Früher war Bildung ein Lebensabschnitt.
Heute ist Lernen ein Lebensprinzip.
Morgen wird die Fähigkeit zu lernen wichtiger sein als das Wissen allein.
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Weiterführende Informationen: Förderung beruflicher Weiterbildung
Berufliche Weiterbildung von Beschäftigten kann unter bestimmten Voraussetzungen durch die Bundesagentur für Arbeit gefördert werden. Möglich sind Zuschüsse zu den Lehrgangskosten sowie zum Arbeitsentgelt während der weiterbildungsbedingten Ausfallzeiten. Die Höhe richtet sich unter anderem nach der Unternehmensgröße und den Voraussetzungen der jeweiligen Maßnahme. Mehr zum Qualifizierungschancengesetz und den Fördermöglichkeiten für Unternehmen finden Sie in unserem Beitrag: Weiterbildung fördern lassen: Ein kompakter Überblick zum Qualifizierungschancengesetz
Weitere Informationen zur Förderung von Beschäftigten bietet die Bundesagentur für Arbeit: Förderung der beruflichen Weiterbildung von Beschäftigten
Über den Autor
Prof. Dr. Thomas Doyé ist Geschäftsführer des ICE Institute for Corporate Education und zählt zu den prägenden Persönlichkeiten der akademischen Weiterbildung in Deutschland. Von 2007 bis 2019 war er Vizepräsident der Technischen Hochschule Ingolstadt und Leiter des Instituts für Akademische Weiterbildung. Für seine Pionierarbeit in der akademischen Weiterbildung wurde er 2022 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Das ICE Institute for Corporate Education entwickelt maßgeschneiderte Qualifizierungsprogramme für Unternehmen und begleitet Organisationen beim systematischen Aufbau neuer Kompetenzen für technologische und organisatorische Transformation.
Sprechen Sie uns gerne an – wir begleiten Sie von der ersten Orientierung bis zur Umsetzung.
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