Im Format „Wissenshappen“ geben unsere Dozierenden spannende Einblicke in ihre Fachgebiete und bringen Zukunftsthemen aus Wissenschaft und Praxis verständlich auf den Punkt. In diesem Interview spricht Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. Hans-Eberhard Schurk über unverzichtbare Zukunftskompetenzen, aktives Lernen und den wertvollen Austausch zwischen Hochschulen und Unternehmen. Ein Beitrag, der zeigt, warum es beim Lernen heute mehr denn je auf Engagement und Mitmachen ankommt.
Welche Kompetenzen werden im Jahr 2030 unverzichtbar sein – und warum?
Schurk betont, dass es in der Ingenieursarbeit sowohl auf soziale als auch auf fachliche Kompetenzen ankommt: „Wichtigste soziale Skills: Teamfähigkeit, offene Kommunikation und Wertschätzung. Fachliche Skills: Gute Basis in einem Spezialgebiet (Mechanik, Elektronik, IT); Bereitschaft und Motivation, sich in ein anderes Gebiet einzuarbeiten; Creative Engineering.“
Für ihn ist Creative Engineering keine Ergänzung am Rand, sondern eine Kernkompetenz. IngenieurInnen der Zukunft brauchen nicht nur fundiertes Fachwissen, sondern auch Neugier, Flexibilität und die Kreativität, über klassische Lösungsansätze hinauszudenken.
Welcher Denkfehler begegnet Ihnen in der beruflichen Weiterbildung immer wieder – und was wäre ein besserer Ansatz?
Wenn es um Erwachsenenbildung geht, benennt Schurk ein zentrales Problem: Passivität. „Größter Denkfehler: Ich lasse mich berieseln und höre nur zu.“
Stattdessen müsse Weiterbildung auf aktiver Beteiligung beruhen: „Wichtigster Ansatz: Bereitschaft, sich aktiv in der Weiterbildung zu beteiligen. Z. B. aktive Vorbereitung in ein neues Thema, in der Gruppe kurz zu präsentieren, diskutieren und zu einem abgestimmten Ergebnis zu kommen. Der Dozent ist dabei Coach und glänzt nicht nur durch sein allumfassendes Wissen.“
Was können Hochschulen von Unternehmen lernen – und umgekehrt?
Für Prof. Dr. Schurk ist klar, dass beide Seiten voneinander profitieren können. „Hochschulen von Unternehmen: Praxisorientierung, effektive und effiziente Prozesse, kurze zielgerichtete Meetings, weniger ‚Experten‘, die die Weisheit mit Löffeln gefressen haben.“
Genauso wichtig: Unternehmen können sich eine Scheibe von der Hochschulkultur abschneiden. „Unternehmen von Hochschulen: Offene Diskussionen und Entscheidungen, die nicht ausschließlich von monetären Zielen getrieben werden.“
Wenn Sie ein Modul in jedes Weiterbildungsprogramm aufnehmen könnten – welches wäre es und warum?
Auf diese Frage hat Schurk eine klare Antwort: „Interdisziplinäre Angebote, die den Blick öffnen, z. B. Creative Engineering ; nicht nur Kombination von Technik und Wirtschaft, sondern Kennenlernen von neuen Denkmustern.“
Creative Engineering versteht er als mehr als nur einen Veranstaltungstitel – es geht darum, Perspektiven zu wechseln, Muster zu hinterfragen und neue Denkweisen zu entwickeln.
Was ist derzeit die spannendste Erkenntnis oder Entwicklung in Ihrem Fach – und was kann die Praxis daraus mitnehmen?
Zum Schluss verweist Schurk auf eine tiefgreifende Entwicklung in der Automobilelektronik: „Software-orientiertes Fahrzeug bedeutet die Umkehr der klassischen Vorgehensweise (von der Hardware zur Software). Die Autos werden in Zukunft rollende Rechenzentren.“
Diese Veränderung hat direkte Auswirkungen auf Berufsrollen: „Die klassischen Ingenieure werden Dienstleister für die IT-Spezialisten. Die IT-Spezialisten auf der anderen Seite dürfen nicht nur Algorithmen oder KI im Kopf haben, sondern müssen auch abschätzen können, wie ihre Software in die Praxis umgesetzt werden kann. Dies bedeutet, dass sie auch Kenntnisse über die Hardware und deren Möglichkeiten und Grenzen besitzen müssen. Hier muss noch besser zusammengearbeitet werden, z. B. in gemeinsamen Teams.“
Fazit
Herr Schurk beantwortet unsere Fragen präzise und praxisorientiert. Ob es um Kompetenzen für 2030, aktives Lernen oder die Zusammenarbeit zwischen Disziplinen geht – seine Botschaft ist klar: Wissen allein reicht nicht. Entscheidend sind Engagement, Offenheit und Zusammenarbeit – oder in Schurks Worten ganz prägnant: „Nicht nur berieseln lassen – mitmachen!“
Wir danken Herrn Schurk ganz herzlich für das Interview und sein Engagement in unseren Qualifizierungen.
Hintergrundinformationen
Prof. Dr. Schurk unterrichtet in unseren Automotive-Programmen u.a. Module wie Toolketten, Steuergeräte & Bordnetze, Fahrzeugarchitektur Hardware sowie Grundlagen moderner Fahrassistenzsysteme.
„Wir starten einen neuen Durchgang unserer Qualifizierung – sind Sie wieder mit dabei?“ Keine halbe Stunde vergeht, da liegt von Prof. Schurk bereits die Zusage vor. Mit Herrn Schurk haben wir einen Dozenten an unserer Seite, der den Teilnehmenden nicht nur fundiertes Wissen vermittelt, sondern auch echte Begeisterung für die Wissenschaft lebt. Seine ruhige, besonnene Art schafft eine Lernatmosphäre, in der sich alle wohlfühlen und motiviert mitarbeiten. Eine feste Säule in unserem Kursbetrieb – und ein Mensch, der durch Kompetenz, Leidenschaft und Herzlichkeit überzeugt.
Prof. Dr.-Ing. Hans-Eberhard Schurk studierte Elektrotechnik mit Schwerpunkt Kybernetik und Nachrichtentechnik an der Technischen Universität München, wo er 1982 zum Dr.-Ing. promovierte. Nach Tätigkeiten bei der Universität der Bundeswehr München und bei BMW leitete er von 2004 bis 2016 als Präsident die Hochschule Augsburg, an der er als Professor für Elektrotechnik und Automobilelektronik seit Jahrzehnten lehrt. Heute arbeitet er als Sachverständiger für Automobilelektronik und Autoelektrik.
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Weitere Beiträge aus unserer Reihe „Wissenshappen“ finden Sie hier:
Orientierung statt Überflutung – Prof. Dr. Hans von Koch über die Zukunft des Mathematikunterrichts.